Israels Premierminister Benjamin Netanjahu steht im Rampenlicht, nachdem eine Untersuchung veröffentlicht wurde, die ihm vorwirft, den Gaza-Krieg absichtlich verlängert zu haben, um seine politische Macht zu erhalten. Die Reporter, die sich auf Interviews mit mehr als 110 israelischen, US-amerikanischen und arabischen Beamten sowie Dutzende von Dokumenten stützten, kamen zu dem Schluss, dass Netanjahu den Konflikt als Instrument nutzte, um seine Position angesichts in- und ausländischer Herausforderungen zu stärken.
Im April 2024 plante Netanjahu, den Krieg in Gaza zu beenden, der mit dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 begonnen hatte. In einer nichtöffentlichen Kabinettssitzung wollte er plötzlich einen Friedensplan verkünden, der einen sechswöchigen Waffenstillstand, ein Ende der Kämpfe und die Freilassung der von der Hamas festgehaltenen Geiseln vorsah. Dieser Schritt sollte die kriegsbefürwortenden Minister seiner Koalition überraschen und ihnen keine Zeit zum Widerstand geben. Doch der Plan scheiterte am drohenden Zusammenbruch einer Koalition, die auf die Unterstützung rechtsextremer Kräfte wie Finanzminister Bezalel Smotrich angewiesen war.
Smotrich sagte bei dem Treffen: „Wenn eine Kapitulationsvereinbarung getroffen wird, wird es keine Regierung mehr geben.“ Diese Warnung zwang Netanjahu, den Friedensplan aufzugeben. Der Premierminister war sich bewusst, dass ein Waffenstillstand zur Auflösung der Koalition und zu Neuwahlen führen könnte, die er wahrscheinlich verlieren würde. Er wies seine Berater an, den Vorschlag nicht vorzulegen. Diese Episode wurde zu einem Wendepunkt und zeigte, dass Netanjahu das politische Überleben über die Interessen des Landes stellte.
Der anhaltende Krieg im Gazastreifen hat Netanjahus Position keineswegs geschwächt, sondern seine Zustimmungswerte sogar gestärkt. Nach dem Hamas-Angriff 2023, dem größten israelischen Sicherheitsversagen seit Jahrzehnten, sank die Popularität des Premierministers auf einen historischen Tiefstand. Der zwölftägige Konflikt mit dem Iran im Juni 12, der mit israelischen Luftangriffen auf Atomanlagen begann, wurde jedoch zum „Höhepunkt“ von Netanjahus politischem Wiederaufstieg. Der Konflikt ermöglichte es dem Premierminister, die öffentliche Aufmerksamkeit von innenpolitischen Problemen auf externe Bedrohungen zu lenken und so sein Image als entschlossener Führer zu festigen.
Der Netanjahu nahestehende Politstratege Srulik Einhorn stellte fest: „Netanjahu hat eine politische Wiederauferstehung geschafft, die niemand, nicht einmal seine engsten Verbündeten, für möglich gehalten hätte.“ Der Einfluss des Premiers in Israel habe ein beispielloses Ausmaß erreicht und seine Chancen, die Wahlen 2026 zu gewinnen, seien deutlich gestiegen.
Netanjahus Koalition aus rechtsextremen und religiösen Parteien spielte eine Schlüsselrolle bei seiner Entscheidung, den Krieg fortzusetzen. Minister wie Smotrich und Itamar Ben-Gvir vertreten eine harte Linie gegenüber der Hamas und lehnen einen Rückzug aus Gaza ab. Ein Waffenstillstand würde ihre Unterstützung untergraben und zu einer politischen Krise und möglicherweise vorgezogenen Neuwahlen führen. Für Netanjahu würde dies nicht nur den Machtverlust bedeuten, sondern auch das Risiko einer Strafverfolgung: Gegen ihn wird seit 2020 wegen Korruption ermittelt, unter anderem wegen Bestechung und Medienmanipulation.
Der Krieg mit dem Iran, der am 13. Juni 2025 mit israelischen Luftangriffen auf Atomanlagen begann, war für Netanjahu eine Möglichkeit, von Gaza abzulenken und sich als Verteidiger der nationalen Sicherheit darzustellen. Ziel der Operation war es, das iranische Atomprogramm zu verlangsamen, das Netanjahu als „existenzielle Bedrohung“ für Israel bezeichnete. Trotz eines erklärten Waffenstillstands sind im Iran über 600 Menschen und in Israel 28 Menschen ums Leben gekommen, was wegen der hohen Kosten Kritik hervorrief.
Der Krieg im Gazastreifen geht weiter. Im März 2025 brach Netanjahu einen Waffenstillstand mit der Hamas und nahm die Feindseligkeiten wieder auf, nachdem sich die Gruppe geweigert hatte, Geiseln freizulassen. Nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums sind seit Beginn des Konflikts, der international heftige Kritik hervorrief, mehr als 39 Menschen im Gazastreifen gestorben. Israel besteht auf der vollständigen Entmilitarisierung des Gazastreifens und der Entmachtung der Hamas.
Angesichts der eskalierenden Konflikte hat Netanjahu seine Beziehungen zu den USA gestärkt. Im Juli 2025 traf er sich mit Präsident Donald Trump, um über den Waffenstillstand im Gazastreifen und die iranische Bedrohung zu sprechen. Trump unterstützte Israel öffentlich, äußerte sich aber frustriert über die Waffenstillstandsverletzungen. Dennoch bleibt die Unterstützung der USA für Netanjahu von entscheidender Bedeutung, insbesondere im Hinblick auf die Wahlen 2026, bei denen er hofft, sein Image als starker Führer zu nutzen, um zu gewinnen.















